Der Begriff „Selbstliebe“ ist in den letzten Jahren in den sozialen Medien so inflationär verwendet worden, dass er oft mit Egoismus oder Narzissmus verwechselt wird, insbesondere im pragmatischen Deutschland, wo Bescheidenheit und Fleiß als hohe Tugenden gelten. Wahre Selbstliebe hat jedoch nichts mit dem Kauf teurer Dinge oder dem Ausleben von Launen zu tun. Sie ist eine tiefgreifende innere Arbeit, die die Akzeptanz des eigenen Selbst als ganzen Menschen mit all seinen Fehlern, Schwächen und Unvollkommenheiten beinhaltet, ohne die Wachstum unmöglich ist. Sie bedeutet, die eigene verlässlichste Stütze zu sein, ein Elternteil, das einen tröstet, und ein Freund, der einem beisteht. In einer Welt, in der wir uns ständig nach Erfolg, Beliebtheit oder Aussehen beurteilen, kann es schwierig sein, diesen inneren Kern zu finden, doch er ist die Grundlage für psychische Gesundheit und Resilienz gegenüber den Stürmen des Lebens.
Der erste Schritt zur Selbstliebe ist, sich nicht mehr mit dem inneren Kritiker zu identifizieren. Die Stimme, die dir einredet, du seist nicht gut genug, nicht schlank genug, nicht klug genug, bist nicht du selbst – sie ist lediglich ein verinnerlichter Kritikpunkt aus der Vergangenheit. In Deutschland sind viele Menschen in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Fehler inakzeptabel waren und Erfolg an Noten und Leistungen gemessen wurde. Um dich von der Tyrannei dieses Kritikers zu befreien, versuche es mit der „Distanzierung“: Gib ihm einen witzigen Namen und antworte ihm mit Ironie. Wenn er flüstert: „Du hast das Projekt schon wieder vermasselt“, denke: „Danke, Karl, für deine Besorgnis, aber ich entscheide selbst, wie ich damit umgehe.“ Das schwächt seine Macht und hilft dir, die Situation objektiver zu betrachten, ohne sie zu dramatisieren.
Der zweite Aspekt ist die Fähigkeit, „Ja“ zu deinen Bedürfnissen zu sagen, auch wenn sie den Erwartungen anderer widersprechen. Selbstliebe zeigt sich nicht im ständigen Naschen, sondern darin, rechtzeitig ins Bett zu gehen, wenn man müde ist, selbst wenn die Serie spannend ist. Es ist die Fähigkeit, auch bei Überlastung Nein zu sagen, ohne sich schuldig zu fühlen. In der deutschen Unternehmenskultur ist Überarbeitung oft an der Tagesordnung, und die Fähigkeit, „Stopp“ zu sagen, gilt als Schwäche. Doch in Wirklichkeit ist es der Gipfel der Selbstachtung. Wenn Sie Ihre Energie und Ihre Zeit selbstbestimmt einteilen, signalisieren Sie der Welt, dass Sie als Mensch wertvoll sind, nicht nur als Leistungsträger. Fangen Sie klein an: Tun Sie jeden Tag etwas nur für sich selbst, ohne Ausreden – sei es eine Tasse guter Tee, ein Spaziergang im Park oder eine halbe Stunde Lesen, ohne an die Arbeit zu denken.
